Kreuzberg, vor der Bäckerei, 27.10.2015, 7.40 h

weggeworfen, aufgehoben.
Sammlung von Papierobjekten, seit 2013
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Seit einigen Jahren sammle ich Zettel mit handschriftlichen Notizen oder Zeichnungen, die in Einkaufskörben, auf der Straße oder anderswo auf dem Boden liegen. Es handelt sich dabei beispielweise um Einkaufszettel, Listen von touristischen Orten, Wegbeschreibungen, Kinderzeichungen oder Gedichte. Je nach Inhalt lässt sich darüber spekulieren, ob das Papier verloren, weggeworfen oder bewusst vergessen wurde. Neben dem zufälligen Einblick in menschliche Wege und Tätigkeiten sagen manche Nachrichten auch etwas über die Gefühle und Beziehungen der Person aus, die das Papier beschriftet oder bezeichnet hat.

Ein Reiz dieser Sammlung liegt in ihrer materiellen Wertlosigkeit, was sich daran zeigt, dass jemand die Papierobjekte in einem bestimmten Moment los ließ. Und dass es dann wahrscheinlich eine Weile gedauert hat, bis jemand anderes diese Spur aufnimmt, den inzwischen staubigen oder schmutzigen Zettel also aufhebt. Abgesehen von der Katalogisierung und Reproduktion der Originalzettel werden einige Orte wieder aufgesucht: Dort werden Passant_innen um eine Deutung und einen Kommentar zur dort aufgefundenen Nachricht gebeten, die mit dem Einverständnis der Personen Eingang in das Objekt-Archiv finden.



Regen, Berlin


zur Stelle.
Fotografien von Landschaft, seit 2006. 

„zur Stelle“ behandelt das Problem, heute Natur oder Landschaft zu fotografieren. In der Geschichte der Landschaftsdarstellung wurden Bilder von organischer Umwelt verwendet, um heimatliche oder romantische Gefühle hervorzurufen und Bindungen zu schaffen, aber auch um Grenzen zu ziehen. „zur Stelle“ spiegelt Momente, die sich zwischen einer aktualisierten Faszination und dem Wunsch nach Unterbrechung des visuellen Regimes bewegen.



Einlagerungsservice, August 2017

Einblenden.
Fotografien von Werbung und Waren, seit 2004.

Diese Sammlung von Außenwerbung, die in den letzten Jahren auf meinen täglichen Wegen nebenbei entstanden ist, zeigt diskriminierende Darstellungen von Frauen. Ich habe mit der Serie begonnen, um Bilder, die Zugriff auf ein weiblich sozialisiertes Ich behaupten, zu bearbeiten, statt sie zu ignorieren. Durch die Dokumentation nahm ich im Lauf der Zeit den Zusammenhang von Männer- und Frauenbildern, sowie rassifizierende und andere soziale Stereotypen in den Blick.
Wenn in einer Ausstellung (z.B. 2008 in Berlin) 150 und mehr unterschiedliche Motive nebeneinander installiert werden, erzeugt diese Arbeit zunächst eine Zumutung für die Betrachtenden. Die Installation löst Gespräche aus: über Bilder, die verschiedenen Betrachter_innen zuviel sind und zu nahe gehen, über Attraktivität und die Grenze zwischen Sexyness und Sexismus, über “guten Geschmack” und symbolische Gewalt.

“Einblenden” belegt, dass aktuelle Werbung immer noch auf Sexismus und Rassismus basiert, auch wenn sie vorgibt, an emanzipatorischen Debatten geschult zu sein und sich z.B. zur Fürsprecherin sexuell befreiter Frauen aufschwingt.



Aufwärmübungen des japanischen Teams– Algarve-Cup 2012

Freiraum.
Fotoserie, Training, 2002, 2011–18.

Freiraum sucht nach einer alternativen Bildsprache im Genre der Sportfotografie. Wiederholt werden Spielfeldszenen und Raumverteilungen in kleineren Stadien dargestellt, die mit dem als zweitrangig angesehenen Frauenfußball einher gehen. Hier sind auch Motive zu sehen, die das Aufwärmen im Vorfeld oder eine Auszeit im Spiel dokumentieren. Die Langzeitserie entsteht meist auf Reisen und ist die Folge einer zweifachen Annäherung als Fan und Hobbyspielerin.



A Tree/Body/Trouble of One´s Own, Installation im Kunstraum Kreuzberg, 2007

A Tree, Body, Trouble of One´s Own.
Rauminstallation, Brüssel/Berlin 2006/7.


In der Arbeit A Tree/Body/Trouble of One´s Own geht es um das Behagen oder Unbehagen mit den eigenen Geschlechtern. Die Stimmen geben Passagen aus Interviews wieder, in denen Informatiker_innen, Techniker_innen, Künstler_innen und Wissenschaftler_innen über Logik, Geschlecht und
Wahrheitsproduktion sprachen.
Die Exklusivität von bipolaren Systemen, die sowohl Geschlecht als
auch Logik betreffen, wird hier anhand von Ton- und Bildmaterialien dargestellt und untersucht. Dazu hatte ich - abgesehen von den Audioaufnahmen - wissenschaftliche Schemata,Tabellen und Kurvendarstellungen gesammelt und rekombiniert.
Die Installation, in der audio-visuelle Materialien präsentiert werden, besetzt einen von vier Säulen begrenzten Ort. Dort, wo die Säulen in das Deckengewölbe übergehen, werden sexualwissenschaftliche Diagramme projeziert, so dass die Säulen, derart mit "Kronen" versehen, zu Struktur-
Bäumen der Geschlechterforschung werden. In der Mitte dieser Baumschule der Geschlechter steht ein "echter" Baum; ein Bio-Baum sozusagen, an dessen Ästen kleine Lautsprecher befestigt sind. Man_frau kann sich auf der Bank am Baum niederlassen, um den Stimmen, die aus den Lautsprechern tönen, zuzuhören.



Der Schreibtisch von A. Possaner, 2002
Das Leben als Betriebssystem.
Eine Echtweltrecherche, Graz 2002/3.

Ich befragte und portraitierte ComputerarbeiterInnen aus verschiedenen professionellen Bereichen (3D-Visualisierung, Architektur, Gamedesign, Informatik, Musik, Statistik...), um Wirklichkeitsbegriffe und deren Verschiebungen zu beleuchten.

Aus dem gesammelten Tonmaterial entstand ein Hörspiel in 3 Teilen zu den Themen:
1) enter, shift oder mit dem Rechner reden
2) copy-paste, undo, control oder der Einfluß der Computerbefehle auf das Denken
3) space, escape oder Lebensbedingungen im Cyberspace


Nana, das Kindermädchen (Videostill), 1997

Peter Pan.
Videoessay, Hamburg 1997.


Der Film ist aus zwei Handlungssträngen zusammen gesetzt: Der frei umgesetzten Geschichte von Peter Pan, the boy who wouldn´t grow up und Interviews mit Kindern und Jugendlichen. Leitmotiv ist der Schatten.
Die Geschichte von Peter Pan wird in Bildern erzählt. Dafür werden Zeichnungen durch farbiges Licht, Pappfiguren und Schattenspiele animiert.
Ein flüchtiger Schatten. Damit beginnt die Geschichte von Peter, dem ewigen Jungen und Wendy Darling, die schließlich doch erwachsen wird. Peters Schatten bleibt auf der Flucht aus dem Kinderzimmer der Familie Darling zurück. Wendys Mutter findet ihn, rollt ihn zusammen und verstaut ihn in der Schublade. Der Schatten verschwindet im Dunkeln.
In diesem Video geht es um Kindheit und deren Ende.
fünf junge Menschen im Alter von 10 bis 28 werden interviewt zu dem Wunsch, Kind zu bleiben und der Beobachtung, wann das Erwachsensein beginnt. Ist es ein schleichender Übergang oder gibt es Schlüsselmomente? Wann legt sich der Schatten der Ernsthaftigkeit über uns?
Verantwortung. Der erste Job. Ein geregeltes Leben führen. Rücksicht nehmen. Selbst ein Kind bekommen.
Peter kehrt zurück, um sich seinen Schatten von Wendy wieder annähen zu lassen. Peter, Wendy und ihre Brüder fliegen aus dem Fenster in die Nacht davon.
Fliegen können nur Kinder, die an etwas Schönes denken.



Eine Minute, 1991
One Minute Portraits.
Fotografische Aktion im Aufzug zur Oberstadt, Marburg 1991.

Diese Serie entstand im Personenaufzug Marburg, der von der Unter- in die Oberstadt knapp eine Minute brauchte und von den unterschiedlichsten Menschen benutzt wurde.

Ich stellte eine Regel auf: In dieser Minute bestand meine Aufgabe darin, die jeweiligen Mitfahrer_innen anzusprechen und für ein Portrait zu gewinnen, außerdem ein Foto einzufangen, bevor die Aufzugtür sich wieder öffnete. An den Ergebnissen sieht man
verschiedene Reaktionen, mehr oder weniger direkte Blicke in die Kamera (bzw. Dialoge mit der Kamera), und trotz meiner unübersehbaren Anwesenheit manchmal auch die typische Aufzugsituation, in der alle Personen aneinander vorbei sehen.
Fotografie hatte sich mit dieser Intervention für mich verändert: Ich hatte einen Weg gefunden, bei dem meine Aufnahmen zwischenmenschliche Kommunikation hervorriefen und zugleich davon abhingen.